Brynolf Wennerberg

 Brynolf Wennerberg


31. März bis 13. Mai 1990
Ausstellung der Galerie Gailer GbR im Muggli-Haus Bad Aibling

26. Dezember 2006 bis 7. Januar 2007
Ausstellung der Galerie Gailer GbR im Haus des Gastes Gstadt


Brynolf Wennerberg
1866 Otterstad/Schweden - 1950 Bad Aibling


"An meine Freunde!

Geboren bin ich in Schweden vor fünfundfünfzig Jahren und halte mich für sehr gescheit, muß es aber doch nicht gewesen sein, sonst wäre ich nicht im Jahre 1912 deutscher Untertan geworden und nach Paris mit Kind und Kegel und zwei vollgepropften Möbelwagen gezogen, da doch jeder vernünftige Mensch den Krieg hat kommen sehen, wenigstens behaupten sie es jetzt. Aber wer zuletzt lacht, lacht am besten und, wenn ich erst die Entschädigung bekomme, und die bekomme ich sicherlich bald, denn schon (nach erst sieben Jahren) sind von der Ersatzansprücheprüfungskommision Erhebungen angeordnet worden, ob ich auch deutscher Untertan bin, und da kann es nicht mehr weit fehlen und dann wird bloß noch expressionistisch-kubistisch gemalt, jawoll! Nicht mehr so unmodernes Zeug wie bis jetzt. Da nehme ich das Geld und reise dorthin, wo die kubistischen Mädchen sind, denn hier in Aibling und Umgebung sehen sie alle aus wie früher. Gott sei Dank, denn mir gefallen sie ja so viel besser, aber der Mensch muß leben und der Dr. Eysler wird sich irren, wenn er glaubt, daß jemand solche Sachen jetzt in unserem "Untergang des Abendlandes" kauft, wie ich sie in dieses Album hineingemalt habe.
Wie ich vorhin sagte, bin ich in Schweden geboren, war in Paris ein paar Jahre, habe auch in England ein halbes Jahr gelebt, habe in Dänemark zwei Jahre bei Kroyer malen gelernt und habe somit ein wenig von der Welt gesehen und merkwürdigerweise immer mich am meisten für die Damen interessiert und muß gestehen, daß mir die deutschen Frauen am besten gefallen, vielleicht meist deswegen, weil sie sich ihrer besten Vorzüge nicht bewußt sind, und ich werde mich hüten, zu erzählen, welche das sind, denn da wäre ja der Reiz hin. Fein gedeichselt, nich?
Und von meinen Modellen sollte ich etwas ausplaudern, schrieb mir Dr. Eysler (das ist der Verleger, er steht hinten drauf) "es würde gewiß das Publikum interessieren". Ja, glaub' ich schon, aber wenn ich da indiskret bin, geht mir ja keine mehr bei. Da wird nichts draus. Nur soviel will ich sagen, daß ich kein Heiratsbureau habe, so daß alle Zuschriften mit Bitten um Adressen usw., wie ich sie öfter bekomme, gar keinen Zweck haben. Was glauben Sie denn? Ich brauch meine Modelle selber. Außerdem wird viel zu viel geheiratet. Un dich brauche Damen mit vergnügten Gesichtern und das kann eine verheiratete Frau bei den jetztigen Butterpreisen nicht haben.
Jawohl, verheiratet bin ich auch, sogar zum zweitenmal und daß meine jetztige Frau vorher mit dem verstorbenen Maler v. Reznicek vermählt war, wird Sie vielleicht auch interessieren und, daß ich große Töchter habe und daß ich sie alle öfters "geschunden" habe (denn gemalt werden ist kein Vergnügen), so daß sie Ihnen nicht unbekannt sein dürften. Aber auch sonst, wer nett aussieht und in meine Nähe kommt, wird erbarmungslos "geschunden" und sie lassen sich's alle gern gefallen, so daß ich für Modellgeld nicht viel Ausgabe im Jahre habe, ich spreche ihnen aber dafür hier öffentlich meinen tiefsten Dank aus.
Sonst lebe ich friedlich hier in Bad Aibling, bin 1,89 groß, blond, gleich neben meinem Atelier ist ein großer Misthaufen, die Pferde, Kühe und Kälber grasen auf der Wiese vor meinem Fenster, die Enten quaken und die Hühner gackern und die Sonne scheint zum Fenster hinein. Aber jetzt muß ich wieder malen, jetzt habe ich genug geschriftstellert. Am 1. August gehe ich an den Chiemsee, da wird weder gemalt noch geschrieben, da wird gefischt. - Auf Wiedersehen, geliebte Leser.

Bad Aibling, den 4. Juli 1921
Brynolf Wennerberg"

(In: Dr. Eysler: Wennerberg-Album. 20 Farbige Kunstblätter nach Originialbildern von B. Wennerberg, Berlin 1921.)

Brynolf Wennerberg wurde am 12. August 1866 im schwedischen Djourgorden als Sohn einer wohlhabenden und angesehenen Familie geboren. Der prominente Onkel, Leiter des Nationalmuseums und Minister im Kabinett Karl V., war der Vater der Nationaldichtung und Komponist der schwedischen Nationalhymne. Der Vater (1823-1894) galt als exzellenter Tier- und Genremaler. Die Mutter starb früh. Bald darauf heiratete der Vater die 15 Jahre jüngere Schwester seiner Frau. Der Gutshof war künstlerischer und gesellschaftlicher Mittelpunkt. Die elegante Welt mit Künstlern, Dichtern, Musikern, Staatsmännern und schönen Frauen wurde für Brynolf bestimmend für seine Laufbahn.

Der Wunsch des Sohnes, Maler zu werden, stieß auf Ablehnung. Der Vater entzog ihm Pinsel und Farben und verbot ihm das väterliche Atelier ungebeten zu betreten. So stellte er heimlich aus Ziegelsteinen und Waschpulver seine Farben her. Das erste Bildergeld verdiente er sich mit handgemalten Osterkarten, die er bei einem Krämer zum Verkauf anbot.

1855 erlaubte ihm der Vater endlich den Besuch der Kunstgewerbeschule in Stockholm. Der Akademiebetrieb und das Zeichnen nach Gipsmodellen behagte ihm jedoch nicht. 1887 wechselte er zu dem erstrangigen Koloristen Peter Severin Kroyer (1851-1909) nach Kopenhagen, der ihn alsbald zum Meisterschüler ernannte. Von ihm erhielt Wennerberg das nötige Rüstzeug vermittelt. Daneben hinterließ der sechs Jahre ältere Anders Zorn (1860-1920) mit seinen Gemälden von Mädchen und badenden Frauen im freien Licht nachhaltigen Eindruck.


1888 ging Wennerberg nach Leipzig, war dann ein paar Jahre in Paris, ein halber Jahr in England und kehrte um 1900 nach Deutschland zurück, vermutlich nach Fürstenfeldbruck. Irgendwann ist er dann von dort nach München gezogen, Im Paris der Jahrhundertwende hat er gewiß viel für seinen Kolorit, für den Charme seiner Bilder und seiner Frauen empfangen.

Nach 1909 holte ihn der Verleger Albert Langen als Nachfolger des verstorbenen Zeichners Ferdinand von Reznicek (1869-1909) zum "Simplizissimus". Dazu Hans Heyn: "Der Schwede war einer jener, die mit Charme und ein bisschen lasziv, in den "Simplizissimus" jenen Pfiff einbrachten, der den "Simpl" als frivol apostrophierte und ihm eine breite Anhängerschaft sicherte."
[1] Rezniceks Ehe war nicht glücklich gewesen. Bald nach seinem Tod erkannte seine Witwe, daß der schwedische Zeichner das künstlerische Erbe, den Aufgabenbereich ihres Mannes übernommen hatte. Sie blieb dem "Simpl" treu und eroberte sich den bereits verheirateten Wennerberg. Anny galt damals als die schönste Frau von München.

In Wennerergs erster Ehe mit der Thüringerin Helene Hermann sind ihm drei Töchter, Elly, Astrid und Lotte, geboren worden, dazu eine Vierte, die geliebte Erziehungstochter Elsa. 1912 wurde er deutscher Staatsbürger. Erneut reiste er, diesmal mit Familie, nach Paris. 1914 bei Kriegsausbruch weilte er gerade in der Schweiz und konnte, sein ganzes Hab und Gut zurücklassend, von dort nach Deutschland zurückkehren. In Immerstadt fand er ein Ausweichquartier. Kurz darauf bezog er ein Atelier in der Münchner Schwanthalerstraße.

In den Kriegsjahren schuf er amüsante, romantisierende Darstellungen von Soldaten und Frauen, die den Schrecken des Krieges weitestgehend negierten. Die dazu aufgelegte Kunstpostkartenserie erwirkte eine für damals unvorstellbare Popularität. 1915 erschien  bei Albert Langen das Kriegsbilder-Album "In der Heimat, in der Heimat...".

1915 wurde er endlich sesshaft. Er bezog in Bad Aibling die Villa Mina am Kurpark und mietete sich das ehemalige Leibl-Atelier in der Hofmühle. Wennerberg war beileibe kein Boheme. Er malte die vornehme Welt, pries die Schönheit der Jugend, das Erotische und Unschuldige, hatte seinen Gefallen daran und war doch weit davon entfernt ihr zu verfallen. "[Ich habe ein] wenig von der Welt gesehen und merkwürdigerweise immer mich am meisten für die Damen interessiert und muß gestehen, daß mir die deutschen Frauen am besten gefallen, vielleicht meist deswegen, weil sie sich ihrer besten Vorzüge nicht bewußt sind [...]." Ein Kollege äußerte einmal voller Hochachtung: "Weißt, eine jede deiner Modelle könnte man auf den Fleck weg heiraten." "Mit Söhnen kann man strahlen, aber seine Töchter konnte er malen."[2]

Sie haben ihn berühmt gemacht. Der Stellenwert, den die männlichen Begleiter im Geschehen seiner Bilder einnehmen, ist dem der Frau deutlich untergeordnet. Meist wirken sie nur wie Beiwerk zum schönen Geschlecht. 1921 erschien im Verlag Eysler & Co. in Berlin das "Wennerberg-Album" mit 20 farbigen Reproduktionen.

Wennerberg beherrschte die zeichnerische Form in einer ganz erstaunlichen Weise, seine Darstellung ist klar, anschaulich, verständlich und vornehm. Als die Werbung noch in ihren Kinderschuhen steckte, schuf der Schwede einen Plakattypen, der die Branche nachhaltig beeinflusste. Auf Konsumartikel für gehobene Ansprüche lockten seine stets lächelnden jungen Damen: bei der Toilette, im Bad, auf dem Ball, im Fasching, im Automobil, im Tete-a-tete. Auftraggeber wie 4711, Stollwerck, Bahlsen und Henkel gaben ihm zeitweise einen hohen finanziellen Rückhalt. Neben Thomas Theodor Heine (1867-1948) und Ludwig Hohlwein (1874-1949) war Wennerberg einer der bedeutendsten Plakatkünstler seiner Zeit.

Einmal saß er mit Sepp Hilz (1906-1967) vor einer Landschaft mit einer blühenden Wiese und jeder bemühte sich, so gut es ging, zu einem Bild zu kommen. Nach kurzer Zeit seufzte Wennerberg: "O diese Blümchen, man sollte die Blümchen mit der Fixativspritze in die Bilder blasen können!" Der Leser irrt, wenn er glaubt, dass er aufgrund dieser Aussage kein oder nur ein mittelmäßiger Landschaftsmaler gewesen ist. Im Gegenteil, in seinem Werk finden wir zahllose kleinformatige, atmosphärische Landschaften, die duftig und zart sind. Ohne selbst erklärter Impressionist zu sein, setzte der Maler mit weichen Valeurs impressionistische Stilmittel ein. In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass er stets selbstgeriebene Farben verwendete.

Seit 1906 kam Wennerberg jährlich an den Chiemsee. Die Fraueninsel war sein Ferienparadies. Tagelang konnte er den Fischen die Angel vor die Nase hängen, wenn ihn nicht doch einmal ein schönes Licht verführte. Schon bald war er im Kreis der "Frauenwörther"-Künstler aufgenommen und avancierte zu einem gern gesehenen Aussteller auf den alljährlichen Expositionen in der Torhalle. Zu den Malern Josef Wopfner (1843-1927), Hiasl Maier-Erding (1894-1933), Thomas Baumgartner (1892-1962) und Constantin Gerhardinger (1888-1970) bestanden freundschaftliche Beziehungen. 1986 erinnerte eine Gedächtnisausstellung mit 42 Originalen in der Torhalle auf Frauenchiemsee an den schwedischen Künstler, der in Bad Aibling und am Chiemsee offenbar eine zweite Heimat gefunden hatte.

Wennerberg war ein fleißiger Mensch. Bis acht Tage vor seinem Tod ging er jeden Morgen so pünktlich ins Atelier und an den Mittagstisch, dass die Bürger in der Aiblinger Kirchzeile ihre Uhr nach ihm richten konnten. In einem Brief charakterisierte Anny Wennerberg ihren Mann: "Fraueninsel, 25.07.1941. Er ist ein fröhlicher Mensch mit viel feinem Humor, reichlich gesund und frisch für sein Alter. Große Freude hatte er in der letzten Zeit, daß die Aiblinger so viel Interesse für seine Kunst zeigen. Verschiedene kauften Bilder. Hier fischt er leidenschaftlich gern, trinkt nicht mehr viel und das ist alles was ich weiß."

Die Liebe der Aiblinger zu seinen Bildern hat Wennerberg im Alter gut getan. Wenn er seinen täglichen Weg durch den Kurort verfolgte, dann wusste er alsbald hinter dieser Tür, bald hinter jenem Fenster eines seiner wohlgeratenen Kinder weilen. 1933 erward die Stadt Bad Aibling das Bild "Atelierecke". Zu seinem 70. Geburtstag zeigte man eine große Kollektion seines umfrangreichen und weit verstreuten Lebenswerks.

Am 30. März 1950 starb Brynolf Wennerberg im Alter von 84 Jahren. Er liegt neben seiner Frau auf dem Aiblinger Friedhof begraben.

Franz Xaver Maria Gailer


[1]Hans Heyn: Süddeutsche Malerei. aus dem bayerischen Hochland. Das Inntal, der Chiemgau und das Berchtesgadner Land in bildnerischen Zeugnissen, Rosenheim 1979, S. 136.

[2]Ebd.


Brynolf Wennerberg Brynolf Wennerberg beim Malen im Aiblinger Atelier
um 1930
  Ehemaliges Atelier von Wilhelm Leibl in Bad Aibling
Öltempera/Karton | 28,5 x 36,5 cm

Dame im dunkelblauen Ballkleid
Öltempera/Karton | 54,7 x 32,5 cm

Münchner Fasching
("Balst a echter Baron bist, mag i di net. Da halt die Liab grad so lang, bis die Weißwürscht verdaut sind.")
Tempera | 1912 | 41 x 27,8 cm
Literatur: Simplicissimus, historische Satirezeitschrift, 16. Jg., 1912, Heft 45, S. 789 mit Abbildung

Mädchen mit Pelzkragen
Öltempera/Hartfaser | 20,5 x 16,5 cm

  Elly und Astrid, die Töchter des Malers
Öl/Leinwand | 1908 | 80 x 80 cm
  Junge Frau mit Regenschirm und Koffer
Tempera/Karton | 31,5 x 22,5 cm
  Der Charmeur
Tempera/Karton | 1910/15 | 54 x 43 cm
Brynolf Wennerberg Tänzerin im weißen Kleid
Öltempera/Hartfaser | 44,5 x 35,5 cm
  An der Glonn (beim Atelier in Bad Aibling)
Öltempera/Karton | 34 x 48 cm
Brynolf Wennerberg Münchner Fasching
Öltempera/Leinwand | 1939 | 53 x 51 cm
  Leo von Welden im Fasching
Öltempera/Karton | 39 x 29 cm
Brynolf Wennerberg Tänzerinnen
Tempera | 48,5 x 39 cm
  Auf dem Faschingsball
Öltempera/Karton | 41 x 33 cm
  Alte Küche auf der Fraueninsel
Öltempera/Karton | 40 x 28 cm
Brynolf Wennerberg "Spieglein, Spieglein ..."
Öltempera/Leinwand | 44 x 36,5 cm
Brynolf Wennerberg Tänzerin
Öltempera/Hartfaser | 31,5 x 25 cm
  Faschingspaar auf der Bank
Öltempera/Karton | 34 x 27,5 cm
  Spanisches Blumenmädchen
Öltempera/Hartfaser | 48,5 x 40 cm
Brynolf Wennerberg Morgengabe
Öltempera/Leinwand | 50 x 40 cm
Brynolf Wennerberg Tänzerin auf der Bühne
Öltempera/Karton | 50 x 40 cm
Brynolf Wennerberg Im Ballkleid
Öltempera/Karton | 55 x 32,5 cm
  Beim Ankleiden (Frl. Käthe Berger)
Öltempera/Hartfaser | 31 x 24,5 cm
Brynolf Wennerberg Pierrot und Columbine
Tempera/Karton | 23 x 17 cm
  Fasching
Öltempera/Karton | um 1930 | 22 x 28 cm
  In Erwartung
Öltempera/Karton | 44 x 35,5 cm
Brynolf Wennerberg Tänzerin
Öltempera/Hartfaser | 50 x 40 cm
Brynolf Wennerberg Der Kavalier
Öltempera/Leinwand | 56 x 46 cm
Brynolf Wennerberg Der weiße Traum
Öltempera/Karton | 41 x 32 cm
Brynolf Wennerberg "Der Frosch" (Studie)
Öltempera/Karton | 30 x 23 cm
 Brynolf Wennerberg Die Begegnung
Öltempera/Hartfaser | 40 x 50 cm
 Brynolf Wennerberg Auf dem Ball
Öltempera/Karton | 50 x 39,5 cm
  Im Fasching
Öltempera/Karton | 43 x 47,5 cm