Werner von Houwald

 


Eine Auswahl vergangener Ausstellungsexponate


Werner von Houwald
1901 Ulm - 1974 Stuttgart


Empfindungen in lebendiger Form

"Das Oeuvre des Malers Werner von Houwald, der 1901 in Ulm geboren wurde und seit langem in Stuttgart lebt, wirkt als ein Ganzes und doch nicht als abgeschlossen. Es öffnet sich in die Zuversicht, weist nach vorn. Alle Glieder des Werks, die Gemälde, die Graphik zeugen für ihren Schöpfer, für die Mühen und Seligkeiten erlebter Stunden. Das sehr unmittelbare Empfinden jenes Künstlers, wobei er in der gegenständlichen Konzentration bereits auch das geistige Grundbild erschaut, bestimmt seine Malerei. Ein leidenschaftliches Sinnesvermögen bleibt grenzenlos bereit, dem Anblick der Welt, der Menschen, der Landschaften und Gesichter malend zu antworten.

Versteht man so das Künstlertum Werner von Houwalds, dann wird man schwerlich den Akzent auf einen Entwicklungsgang setzen. Gewiß lassen sich verschiedene künstlerische Begegnungen, die er während seiner Studienzeit (Adolf Hoelzel in Stuttgart, Karl Caspar in München), dann auch bei wiederholtem Aufenthalt in Paris gemacht hat, aus dem Bildstil herausanalysieren. Aber es sind doch bestenfalls ausgewertete Erfahrungen, die in der klaren Struktur seiner Bildgefüge längst ganz sein eigen geworden sind. Mit Behutsamkeit und einer erstaunlichen Sicherheit hat der Maler nur das ihm Gemäße aus Zeit und Umgebung in sein künstlerisches Schaffen aufgenommen. So wahrt er bis heute seinen Standort über Ismen, Doktrinen und Extremen, verbürgt er Stetigkeit im raschen Wechsel alles Modischen. Der spendenden Energie seines Sehens, seinem überquellenden malerischen Temperament kann sich der Künstler getrost anvertrauen.

In frühesten Arbeiten von Houwalds - etwa solchen, die um die Zeit seines Eintritts in die Münchner Malklasse Karl Caspars (1925) entstanden sind - begegnet man der auf tonige Farben abgestimmten typischen Skala Hoelzels. Diesem Lehrer verdankte der Maler die fortdauernde Wertschätzung der strengen Bildform. Der Mut zum eigenen Gefühl ließ ihn jedoch von einer Farbigkeit und Motivwelt sich abwenden, die mehr von Transparenz nach innen, teils sogar einem trockenen Glühen erfüllt war. Er brauchte den variablen Pinselstrich, um die Schwingungen der Atmosphäre, das Spiel des Lichtes sensibel gestuft wiedergeben zu können. Mit der gesteigerten Kraft seiner Farbe trat von Houwald aus dem Impressionismus heraus, ohne sich von dessen Grundkonzeption, darin vor allem der sensibel reagierenden Formgebung, zu entfernen. Die Farben bedeuteten in dieser von der geschauten Wirklichkeit ausgehenden Malerei stets Signale rythmischer Lebendigkeit, mit expressiver Kontur entfaltete sich im Bilde das Plastische und Räumliche. Wie bei fast allen Caspar-Schülern, wenn deren Weg nachher auch recht verschieden waren, wurde bei Werner von Houwald damals durch das Vorbild des Lehrers das Gefühl für Doppelwertigkeit der Farbe geweckt. Die Gebärde spricht nicht allein aus der Geste, sondern auch aus dem spezifischen koloristischen Klang. Die Farbe als unmittelbarer Ausdrucksträger ist nicht unbedingt explosiv wie bei den ausgesprochenen Expressionisten, sondern vergeistigter. Caspar gebrauchte jene Eigenschaft seines wichtigsten bildnerischen Mittels, um als einer der großen Erneuerer der religiösen Malerei in unserem Jahrhundert zu wirken. Werner von Houwald läßt sich die doppelwertige Farbe dazu dienen, um ein geistiges Bild vom Werdenden und Wachsenden zu formen und dabei dem Uranfänglichen und Zeitlosen auf die Spur zu kommen.

Für zwei Jahrzehnte blieb München die Wahlheimat von Houwalds, der auch später noch im oberbayerischen Raum - Ruhpolding wurde sein Lieblingssitz -  die Natureindrücke für seine Malerei empfing. Feldeinsamkeit oder die Stille eines Hochgebirgstales, das Blühen in Gärten, auch das Titenhafte der Bergwelt, deren Panoramen vom Gefüge der Linien sicher gehalten und vom tiefen, vollen Klang der Farben emporgetragen werden - alles dies hat Werner von Houwald zu den gültigen Zeugnissen seiner Bildkunst inspiriert. Seine Reisen in den Süden bescherten ihm Bildvisionen von einer Klarheit, welche durch die schattenlose Helle mittelmeerischen Lichts hervorgerufen wurde. Denn auch dort floh der Maler nicht in die Idyllik, sonder suchte die Möglichkeit zu gleichnishafter Darstellung, damit sein Ich zum "Selbst", zur dienenden Vollendung im Werk werden konnte. Deshalb auch dringen diese Bilder in jeden Menschen ein, der bereit ist, sich von ihr erfassen zu lassen, und zwar in einer sanften, verhaltenen Weise.

Seit 1947 ist Werner von Houwald wieder in Stuttgart ansässig, lebt hier in familienvertrauter Umgebung. Diese jetzt knapp 25 Jahren waren fruchtbarer Fortsetzung seines Schaffens gewidmet. Hier entstanden - in wohltuender Ausgeglichenheit des künstlerischen Niveaus - viele seiner Porträts, Blumenstücke, Garten- und Städtebilder sowie Fresken und Mosaiken. Von Houwalds Bildnisse haben bis in die fünfziger Jahre Stilllebencharakter, eine spezifische Bildform ist darin dem Porträtistischen übergeordnet. In jüngster Zeit jedoch gibt der Maler bei seinen Bildnissen ausschließlich dem Individuellen Raum, verzichtet auf Hintergründe und Milieu. Menschliches Dasein wird in der einzelnen, unverwechselbaren Existenz vor Augen gestellt. Es scheint, daß der von der Unrast der Zeit getriebene Mensch, hier für eine Weile des eigenen Wiedererkennens sich sammelt. Was die Vergegenwärtigung des Psychischen betrifft, so unterliegt dieses keinem hektischen Deutungszwang. Die im Bild festgehaltenen seelische Entspannung überträgt sich auf den Betrachter.
In den Blumenbildern und Landschaften brechen wie früher das Frühlingshaft-Lebendige und das Sinnlich-Blühende auf. Daneben verschafft sich stärkeres Abstrahieren, eine Integration der Einzelstrukturen in die Fläche Geltung. Das Bild ist dann nicht mehr unmittelbar aus der strömenden Farbe und ihre Rythmen entwickelt, sondern ornamental zu einem Kompositionsmuster verwoben. Solche Arbeiten, für welche Titel wie "Vegetativ" bezeichnend sind, muten an, als ob der Maler von einer Kunst des schönen Gleichgewichts, der Reinheit und der Ruhe träume, ohne aufwühlende Empfindung, über Erinnerungen an Natureindrücke erinnernd. Die Form tritt in die Farbfläche, schließlich ins Licht, das aus mystischen Tiefen oder Höhen hervorstrahlt.

Eine klare humane Gesinnung zwingt diesen Künstler zum Wesentlichen zu kommen. Liebe bedeutet bei ihm Identität mit der Farbe der Blume, dem über eine Gebirgskette oder eine Meeresbucht flutenden Licht. Sie ist - wie Herbert Read es einmal im Hinblick auf den künstlerischen Schaffensprozeß ausdrückte - sein Vermögen, Empfindungen in lebendige Formen zu übertragen. Dahinter steht das Zeichen der Selbstverwirklichung, des Einwerdens von Ich und Selbst durch Erziehung, durch schöpferische Tätigkeit, durch die Kunst. Das ist der praktische Aspekt des Humanismus Werner von Houwalds. Er drückt sich auch in dem Glauben aus, daß es eine Welt objektiver Schönheit gibt und der Mensch durch die Kunst an ihr teilhaben kann.


Dr. Herbert Karl Kraft
(In. Kat. Ausst. "Werner von Houwald. Bilder, Grafiken", hrsg. v. Städtische Galerie Rosenheim (Rosenheim, Städtische Galerie, 24.10. - 05.12.1971), Rosenheim 1971.)

Foto Werner von Houwalds entnommen aus: Ulrich Christoffel: Der Maler Werner von Houwald, Stuttgart 1971, S. 9.

Garten mit Rittersporn
Öl/Leinwand | um 1963 | 100 x 80 cm
Schneeschmelze
Öl/Leinwand | 1963 | 80 x 100 cm
Bauernhof mit Sonnenblumen
Öl/Leinwand/Holz | um 1940 | 37 x 47 cm
Gartenrondell
Öl/Leinwand | 1963 | 80,5 x 100,5 cm
  Föhn über dem Blumengarten
Öl/Leinwand | um 1960 | 100 x 80 cm
Große Malve mit Hörndl
Öl/Leinwand | um 1940 | 100 x 80 cm
Blumengarten in Ruhpolding
Öl/Leinwand | 1966 | 54 x 73 cm