Elisabeth Balwé-Staimmer

 


Eine Auswahl vergangener Ausstellungsexponate


Elisabeth Balwé-Staimmer
1896 Straubing - 1973 Traunstein


Im Sinn für das Menschliche

"Anfang der zwanziger Jahre wanderte ein junges Malerpaar entlang dem Nordrand der Alpen von Bodensee ins Salzkammergut. Es war damals zu dieser - Wochen dauernden - Fahrt nicht anders als hundert Jahre vorher, als Naturwissenschaftler und Künstler von München aufgebrochen waren, um diese Landschaft zu entdecken. [...] Das Ergebnis dieser Reise war, daß die jungen Balwés sich in einem dieser Dörfer, die zwischen Seen und Bergen liegen, niederließen. Sie bewohnen ein altes Bauernhaus, eines der ältesten Anwesen von Feldwies, nahe dem Chiemsee. Davor breitet sich ein Blumengarten aus, der seither alle Sommer in Prange steht. Flox, Rittersporn, Gladiolen und vor allem Malven. Der Strauß der Blüten ist eines der Motive seiner Gärtnerin, die als Malerin ein untrüglicher Sinn für die Farbe auszeichnet. Dem Kind Elisabeth Staimmer, Tochter eines Beamten aus der niederbayerischen Gäubodenstadt Straubing, ist dieses Vermögen als außergewöhnliche und nicht verlierbare Mitgift in die Wiege gegeben worden. Unter vorzüglichen Lehrern entfaltete sich später diese absolut malerische Art einer Interpretation zu einem unverwechselbar eigenen Stil. Soweit das Werk aber auch bis in seine Anfänge zurückverfolgt wird, die Farbe ist nie Selbstzweck geblieben. Sie ist jener Grundakkord, aus dem die Künstlerin Poesie und Transparenz schöpft. Im Rückblick zeichnet sich eine konsequente Entwicklung ab. Einem ersten Studium an der Münchner Kunstgewerbeschule mit den Professoren Riemerschmid und Jascolla als Lehrern, folgt die entscheidende Begegnung mit Karl Caspar, zu dessen Kreis beide Balwés gehören. Unter dem Einfluß dieses Erneuerers der religiösen Malerei in Süddeutschland bricht bei seiner Schülerin nicht nur die fließende, schwebende Farbigkeit der "peinture á l'eau" auf. Der Lehrer weckt in ihr, was bei ihm selbst zentraler Punkt des eigenen Schaffens ist. Bei aller Freude an dem phantastischen Erlebnis, das die Farben vermitteln, rückt bei der jungen Malerin bereits der Menschen in den Mittelpunkt ihrer Bilder. Als sie in einer Nachwuchsausstellung der "Neuen Sezession" im Glaspalast ausstellt, wird sie erstmals von einem Kritiker geobt. Es war Wilhelm Hausenstein gewesen. Den Stipendien folgen später Preise, Ankäufe für städtische und staatliche Sammlungen, nach dem Krieg die Aufnahme in die "Neue Gruppe". Neben der jährlichen Großen Münchner Kunstausstellung Kollektivschauen mit ihrem Mann.

Mittlerweile hat Elisabeth Balwé-Staimmer in dem alten Hof am Südrand des weiten Gletscherbeckens längst das eigentliche, weil bewusst gewählte Zuhause gefunden. Das eigene Atelier steht wiederholt Modell für zauberhafte Interieurs, die in ihrer heiteren Note Ausdruck einer gelösten und in sich ruhenden künstlerischen Persönlichkeit sind. Für diese Malerin bildet die Zeit der gemeinsamen Reisen, insbesondere die Ausflüge in die mediterrane Welt und nach Holland eine ebenfalls bedeutende Schaffensperiode.

Licht und Schatten, Realität und Phantasie sind in ihren großformatigen Aquarellen ausgewogen. Jegliche Enge ist ihnen fremd. Das Thema ist in vollen Pinselstrichen auf das Wesentlich reduziert. Was die Bilder abe heraushebt und ihnen über das rein Technische hinaus Format gibt, ist die sinngebende, differenzierte und gleichzeitig kräftige Farbigkeit.

Eine unübersehbare Eigenständigkeit kennzeichnet Elisabeth Balwé-Staimmer. Ob die Landschaft attisch, sardisch oder iberisch, ob es holländische Motive sind oder die großen, frühen Erntebilder aus Oberbayern, die mittlerweile kulturgeschichtliches Dokument geworden sind, im Mittelpunkt ihrer Arbeiten steht der Mensch. Von der "Holländischen Kinderstube" bis zu den bretonnischen Fischhändlerinnen und den Frauen auf dem Dorfplatz einer Insel in Dodekanes, immer sind einfache Leute gegenwärtig. Natürlich bewegen sie sich in ihrer angestammten Umwelt. Die Freude und das Teilhaben am Leben der Frauen und Kinder ist bei dieser Künstlerin aber nirgends spürbarer als dort, wo es noch unbelastet von zivilisatorischen Einflüssen am stärksten pulsiert: bei den Zigeunern in "Sainte-Marie de la mer". Aus den farbigen Bündeln ihrer Frauen schöpft sie das Erlebnis. Wo immer man diesen ebenso spontanen wie in ihrem Sinngehalt intuitiv erfaßten Bildern begegnet, sie sind unverwechselbar und ohne Signum zu bestimmen. Ein ursprünglich vorhandenes Maß des Ausgewogenseins ist spürbar, so daß auch der an der Peripherie des Interesses stehende Betrachter ohne Interpreten zum Verständnis gelangt. In der permanenten Unruhe und Aggressivität, die unserer Zeit eigen ist, hat sich diese Frau in ihrer Kunst den Sinn für das Menschliche bewahrt. Das und der Klang ihrer Farben sind die Schlüssel zu ihrem Verständnis."


Hans Heyn
(In: Kat. Ausst. "Elisabeth Balwé-Staimmer. Otto Hohlt", hrsg. v. Städtische Galerie Rosenheim (Rosenheim, Städtische Galerie, 13.01. - 17.02.1974), Rosenheim 1974.)

Foto entnommen aus: Ebd.

Griechisches Dorf
Aquarell | um 1960 | 57 x 79,2 cm
  Gasse in Neapel
Aquarell | 57 x 81 cm
Früchte und Krug
Aquarelle | um 1970
Vertäute Fischerboote
Aquarell | um 1960 | 57 x 81 cm
Griechisches Städtchen
Aquarell | 57 x 77 cm
Zigeuner
Aquarell
Tischstillleben mit Früchten
Aquarell
Zigeuner
Aquarell | um 1950 | 57 x 74 cm
Blumenstrauß
Aquarell | um 1960 | 57 x 38 cm
Frauen, Wäsche waschend
Aquarell
  Tischstillleben mit Sparschwein
Aquarell
Gasse auf Rhodos
Aquarell
Elisabeth Balwé-Staimmer "Netzflicker in einem französischen Fischerdorf" Netzflicker in einem französischen Fischerdorf
Aquarell | um 1960 | 56,9 x 77,7 cm
Sardische Frauen
Aquarell | um 1960 | 52 x 72 cm