Noble Gäste | György Stefula

 

 


György Stefula

22.01.1913 Hamburg
08.09.1999 Bad Trissl

Die Wildschweinjagd
Öl auf Leinwand, 90 x 120 cm
Unten links in Rot signiert: G. Stefula (19)67
Provenienz: Privatsammlung Rheinland

„Wenn ich einen Baum male, dann beginnt er zu wachsen, so wie er es will. Denn jedes meiner Bilder hat seine eigenen Gesetze, hat sein eigenes Leben.“[1] Nimmt György Stefula den Pinsel in die Hand, entspringt für ihn die Darstellung jedes Elements einem unmittelbaren Drang, der eng mit einer „Sehnsuchtsvorstellung“[2] verbunden ist. Die Poesie, die in seinen Werken steckt, wurde nicht selten der naiven Malerei zugeordnet – eine Betitelung, gegen die sich Stefula stets sträubte. Seine Kunst mag dieser Stilrichtung formal ähneln. So fühlt man sich an die Traumbilder Henri Rousseaus (1844-1910) erinnert. Stefulas Naturverbundenheit und Akribie, jeden Grashalm einzeln sorgsam auszuführen, verdichten diese Ahnung. Doch naiv im Sinne einer kindlichen Unbefangenheit sind Stefulas traumhafte, paradiesisch anmutende Bilderwelten nur im ersten Augenblick. Das Gemälde Die Wildschweinjagd (1967) verdeutlicht dies.

Der Horizont ist in ein tiefes Rot getaucht, das in einem starken Kontrast zu dem bläulich lilafarbigen Waldrand steht. Zum oberen Bildrand hin wird die Farbe immer blasser bis sie in ein schwächliches Blau übergeht, das sich zu einem kräftigen Dunkelblau konstituiert. Dieses faszinierende Farbenschaupiel beschwört ein surreales Bilderlebnis, das sich dem in Zusammenhang mit Stefula oft auftretenden Ausdrucks der „Visionen“ stark annähert. Die mächtigen, hoch aufragenden Bäume und die fein ausgeführte Waldlichtung sind in sämtlichen Nuancen der Farbe Grün gehalten und verleihen dem Schauplatz eine paradiesisch-mystische Aura, die von den wenigen bunten Sträuchern vervollständigt wird. „Vergesst, was euer äußeres Auge gesehen hat. Macht was euer inneres Auge behalten hat“, war der künstlerische Leitgedanke Stefulas.[3] Es ist die Jagdszene auf dieser Lichtung, die das Bild visuell von einer phantastischen Einfältigkeit befreit. Beides existiert: Die Sicht des Jägers und die Sicht des Wildschweins. Ohne einander vermag keines zu bestehen. Dies bringt die Darstellung deutlich zum Ausdruck und trotzt damit jeder Bezeichnung einer naiven Malerei. „Magischer [oder] poetisches Realismus“[4] war die bevorzugte Titulierung des Künstlers.

Mit seiner ebenfalls malenden Gattin Dorothea Stefula, mit der er in Prien am Chiemsee seinen Lebensabend verbrachte, stand er damit zeitlebens abseits der populären Kunstströmungen. Dieser Mut zur Eigenwilligkeit erhebt die Traumwelten György Stefulas zu bedeutungsvollen, künstlerischen Erzeugnissen.

Franz E. Gailer j.



[1] Ulrich Klever: Stefulas Paradiese. Das Malerehepaar György und Dorothea Stefula, München 1989, S. 9.
[2] Ebd., S. 12.
[3] Ebd., S. 10.
[4] Raimund Feichtner: Ein Stück heile Welt erhalten, in: OVB (10.09.1997), o.S.