Noble Gäste | Rudolf Schramm-Zittau

 

 


Rudolf Schramm-Zittau

01.03.1874 Zittau
04.06.1950 Ehrwald in Tirol

München – Blick von der Feldherrnhalle auf den Odeonsplatz
Öl auf Leinwand, 59 x 79 cm
Unten links signiert: RUDOLF SCHRAMM-ZITTAU (um 1920)
Rückseitig Reste von Ausstellungsetiketten

Mit starrem Blick verfolgt der steinerne Löwe das rege Treiben vor ihm. Richtungsweisend ist er auf das Siegestor ausgerichtet, das verschwommen in der Ferne auszumachen ist. Zwei Fahnenmasten teilen die Bildfläche, doch verhindert ihre Positionierung gleichzeitig eine symmetrische Tristesse. Der Bildausschnitt ist geschickt gewählt. Es ist der Blick eines Generals, den sich der Maler Rudolf Schramm-Zittau im Gemälde Am Odeonsplatz als Bildmotiv auserkoren hat. Diese Schlussfolgerung ist nicht allein auf den erhöhten Standpunkt des Künstlers hinter einem Löwen zurückzuführen, sondern vielmehr aufgrund dieser spezifischen Positionierung im Stadtbild zu erkennen. Der Maler befindet sich auf der Bayerischen Feldherrnhalle. Die Bronzestatute des Grafen von Tilly erhebt sich in direkter Nähe zu seiner Position. Es ist sein Blick, der sich seit seiner Errichtung über den Platz erstreckt und sich Schramm-Zittau nun zu eigen macht.

Es ist die wohl bekannteste Straßenflucht Münchens. Die Ludwigstraße zwischen dem Odeonsplatz und dem Siegestor hat das Stadtbild seit ihrer Entstehung außerordentlich geprägt. Schramm-Zittaus Auffassung dieses Motivs steht unter impressionistischem Einfluss. „Auch ihm zerfloß die Form unterm Pinsel, auch er berauschte sich an den tausend tanzenden, hüpfenden ineinandergleitenden Farbflecken auf der Leinwand, […] an diesem Festhalten des nur Geahnten, an dem Spiel der optischen Reflexe.“[1] Er legte keinen Wert auf Detailgenauigkeit. Wesentlich eminenter beschäftigte ihn die Gestaltung der Luft. Ihr ist im bewölkten Himmel der Großteil des Bildes gewidmet. Der fleckig, pastose Auftrag erzeugt ein Flirren, das dem Werk eine ganz eigene atmosphärische Dichte vermittelt.

„Er ist der seltsamste Impressionist, den man sich denken mag: er muß eine Form von Grund auf kennen – dann erst hält er sich für berechtigt, sie im Interesse des Licht- und Farbwirkung gelegentlich zu zerbrechen.“[2] Diese Auffassung, die ihn von vielen seiner Kollegen und seinem früheren Lehrer Heinrich von Zügel (1850-1941) unterscheidet, durfte Schramm-Zittau ab 1934 an der Dresdner Akademie weitergeben. Viele seiner Gemälde befinden sich heute in Museen im In- und Ausland. Sie sind Zeugnisse seiner erfolgreichen künstlerischen Entwicklung.

Franz E. Gailer j.



[1] Georg Jacob Wolf: Rudolf Schramm-Zittau, in: Die Kunst, Bd. 35, München 1917, S. 122.
[2] Ebd., S. 126.