Noble Gäste | Franz Roubaud

 

 


Franz Roubaud

17.06.1856 Odessa in der Ukraine
11.03.1928 München

Gitarre spielender Kosake
Bleistift auf Papier, 28 x 21,5 cm (um 1890)
Provenienz: Sylvia Roubaud Colleciton, München (Enkelin des Malers)
Literatur: Hans-Peter Bühler: Jäger, Kosaken und polnische Reiter, Hildesheim 1993, Abb. S. 78;
Markus Eisenbeis (Hg.): Franz Roubaud. catalogue raisonné, Düsseldorf 2012, WVZ 867, Abb. S. 269

In Tscherkessenkleidung gewandet sitzt er, das Gewehr lässig über die Schultern gelegt, die Füße fest in den Steigbügeln des Sattels verankert. Kein Ross befindet sich unter seinen Beinen, sondern mehrere Kissen auf einem Holzblock. Auf der Photographie von 1920 ist offenkundig keine Übung aus dem Reitunterricht abgebildet. Der Dargestellte, Franz Roubaud, war seit seiner frühsten Kindheit ein begeisterter und respektabler Reiter. Auf seinem Anwesen in Hochstätt bei Rimsting besaß der russische Maler französischer Wurzeln eine eigene Pferdekoppel, auf der er seinen sieben Kindern das Reiten beibrachte. Die Abbildung hingegen diente einem divergenten Zweck. Es galt die Erinnerung zurückzurufen, die Erinnerung an die kaukasischen Reiter, die auf Roubaud einen lebenslangen, tiefen Eindruck hinterlassen haben und die zum Hauptmotiv seines Schaffens avancierten.

Auf einer der Reisen in den Kaukasus - um 1883 - ist die Studie Gitarre spielender Kosake entstanden. Diese Vorzeichnung abwertend als flüchtig umrissene Arbeit aus dem Skizzenbuch zu betrachten, wäre ein arges Fehlurteil, schließlich ist sie die intimste Fassung künstlerischen Schaffens. Hier fühlt sich der Zeichner unbeobachtet, muss sich außer der eigenen, keiner Anschauung beugen. Somit offenbart die Vorzeichnung umso mehr die wahre Qualität seiner darstellerischen Fähigkeit. Franz Roubaud wurde im Laufe seiner Künstlerkarriere mit unzähligen Auszeichnungen und Ehrungen überhäuft. So war er unter anderem Träger des russischen Ordens des Heiligen Stanislaw 2. Klasse und des Ehrenkreuzes des Michaelordens, erhielt zahlreiche Medaillen und die Professorenwürde. Die vorliegende Studie untermauert diese Wertschätzung.

Nur rudimentär ist der Sattel ausgestaltet. Auf die Rekonstruktion seiner Form hat der Künstler es nicht abgesehen. Schnelle, fest auftragende Striche und oberflächige Schraffuren konstituieren seine Form. Dasselbe gilt für die Beine des Reiters.

Abb.³



In dieser bewussten Reduzierung liegt - vom Künstler unbeabsichtigt - ein hoher künstlerischer Reiz, der an die abstrakte Malerei erinnert, jedoch lange zuvor entstanden ist. Mit größter Umsicht und Sorgfalt sind hingegen Kopf, Oberkörper und Gitarre entstanden. Hierauf verwandte Roubaud sein Augenmerk. Sie sind mit äußerster Detailgenauigkeit dargestellt, durch diese selbst einzelne Muskelpartien des nackten Männeroberkörpers ersichtlich werden. Verschieden starke Schraffuren modellieren zudem die Lichtverhältnisse realitätsnah und verleihen der Gestalt eine plastische Wirkung. Im deutlichen Kontrast steht hierzu die unberührte, weiße Fläche. Es entsteht der Eindruck einer Dreiteilung, die die verschiedenen Phasen des zeichnerischen Schaffens verkörpert.

Die Studie Gitarre spielender Kosake ist ein erlesenes Kleinod, das leicht verkannt wird. Ihre Präsenz in der einschlägigen Literatur über Franz Roubaud unterminiert einmal mehr diese Ansicht.[1] Nach ihrem Vorbild entstanden mehrere Ölgemälde gleichen oder ähnlichen Namens (Siehe rechte Abb.[2]). Ihre Preise sind in den letzten Jahren durch russische Sammler konstant gestiegen.

Franz E. Gailer j.



[1] Markus Eisenbeis (Hg.): Franz Roubaud. catalogue raisonné, Düsseldorf 2012, S. 269, 278 (WVZ-Nr. 867); Hans-Peter Bühler: Jäger, Kosaken und polnische Reiter. Josef von Brandt, Alfred von Wierusz-Kowalski, Franz Roubaud und der Münchner Polenkreis, Hildesheim/ Zürich/ New York 1993, S. 78 (Abb. 82).
[2] Markus Eisenbeis (Hg.): Franz Roubaud. catalogue raisonné, Düsseldorf 2012, S. 194 (WVZ-Nr. 420-423).
[3] Hans-Peter Bühler: Jäger, Kosaken und polnische Reiter. Josef von Brandt, Alfred von Wierusz-Kowalski, Franz Roubaud und der Münchner Polenkreis, Hildesheim/ Zürich/ New York 1993, S. 46 (Abb. 143).