Noble Gäste | Thomas Baumgartner

Thomas Baumgartner

15.07.1892 München
27.05.1962 Kreuth

  

Bei der Großmutter
Öl auf Leinwand, 96 x 75 cm
Oben links signiert: TH. Baumgartner 1920

 

Ein wonniges Strahlen zeigt sich auf dem Gesicht des Mädchens. Der Grund der kindlichen Freude ist rasch zu entdecken. Wohlig schnurrend hat sich auf ihrem Schoss die anschmiegsame Katze der Großmutter ausgebreitet. Der Eigenwille dieser Tiere ist bekannt – so auch dem Mädchen. Nur vorsichtig hat sie ihre rechte Hand um die Katze gelegt. Gleichzeitig künden ihr verschmitztes Lächeln und ihre strahlenden Augen von dem Entzücken und dem Stolz über das gewonnene Vertrauen. Das kleine Mädchen ist wohl nicht selten bei ihrer Großmutter zu Gast. Man spürt die innige Verbundenheit, die zwischen dem Kind und dem Tier herrscht. Während die Eltern außer Haus sind – möglicherweise um ihren Lebensunterhalt zu verdienen – besitzt die Großmutter die Aufsichtspflicht über das Kind.

Thomas Baumgartner führt das Ambiente dieser Darstellung im Gemälde Bei der Großmutter (1920) gemäß seiner Verbundenheit zur ländlichen Bevölkerung dem bäuerlichen Genre zu. Die universale Aussage des Werks bleibt jedoch erhalten. Es ist eine Szene, deren Bestehen sich im Laufe des letzten Jahrhunderts nicht verändert hat und die noch heute Geltung besitzt. Gleichfalls ist es als Ode an die (groß-)mütterlichen Tugenden zu verstehen, zu Ehren ihrer Fürsorge, Liebe und ihrem Verständnis gegenüber ihren Kindern und Enkelkindern.

„Mit Leibl’scher Kraft und Naturwahrheit“[1] näherte sich Baumgartner der Darstellung. Besonders prägnant ist hierbei seine äußerst detaillierte Oberflächengestaltung. Jede einzelne Falte der Dame älteren Semesters ist mit überaus hoher Sorgfalt auf die Leinwand übertragen worden. Sie erzählen in ihrer Ausdrucksstärke nicht nur von des Künstlers Geschick, sondern gewähren gleichfalls einen tieferen Einblick unter die Physiognomie der Dargestellten. „Er geht […], denen er nahezukommen hoffen darf, mit solcher Energie zu Leibe, daß sie ihr Letztes und Heimlichstes an Wesentlichen offenbaren müssen […]“, schrieb Richard Braungart 1921 über die Kunst des gebürtigen Münchners.[2] Der ehrliche und ungekünstelte Vortrag entsprang einer inneren Notwendigkeit Baumgartners, ist gleichsam sein künstlerisches Fatum. Es sind stets (unverkennbare) Individuen, deren markante Züge er in seinen Werken verewigte. „Und es ist fast nicht möglich, Namen wie [Hans] Holbein [1498-1543] und [Wilhelm] Leibl [1844-1900] in Zusammenhang damit nicht zu nennen.“[3] Früh war Baumgartner als hervorragender Porträtist anerkannt und wurde mit Aufträgen von König Ludwig III. oder dem Generalmusikdirektor Hans Knappertsbusch bedacht.

Einträchtig sitzen sie nebeneinander: Die Großmutter häkelnd, ihre Enkelin das Tier in ihrem Schoss streichelnd. Es ist ein geselliges, generationenübergreifendes Beisammensein, das Baumgartner in seinem Werk Bei der Großmutter so trefflich veranschaulichte.

Franz E. Gailer j.



[1] Fritz Aigner: Thomas Baumgartner (1892-1962), in: Kat. Ausst. „Gemäldeausstellung 1986. Herrenchiemsee – Frauenchiemsee“, hrsg. v. Gemeinde Frauenchiemsee (Herrenchiemsee, Bibliotheksaal im Alten Schloss, 11.05. – 28.09.1986), Frauenchiemsee 1986, o. S.
[2] Richard Braungart: Thomas Baumgartner, in: Westermanns Monatshefte, 66. Jg., Bd. 131, Teil 1 (Sept. – Nov. 1921), S. 141.
[3] Ebd., S. 142.