Noble Gäste | Julius Exter

 

 


Julius Exter

20.09.1863 Ludwigshafen am Rhein
16.10.1939 Übersee am Chiemsee

Serpentintanz
Öl auf Leinwand, 109 x 126 cm
Unten rechts signiert: Julius Exter München (18)97
Rückseitig auf dem Keilrahmen eigenhändig bezeichnet: Serpentintanz 1897 München J E.
Ausstellung.: Zweite Biennale, Deutscher Pavillon, Kunstausstellung Venedig 1897

Ihr Blick ist entrückt. Ganz nach innen gewandt hat sich die junge Tänzerin gänzlich dieser einen Aufgabe verschrieben, die sich nun als wahre Essenz ihres Seins enthüllt. Die Anmut ihrer Bewegung hat sich auf ihr seidenes Gewand übertragen, das sich stattlich aufzubauschen beginnt. Kaum vermag es ihre weiblichen Kurven zu verhüllen. Die Offenbarung ihrer Form birgt neben einem erotischen Charakter gleichfalls eine ungeahnte Zerbrechlichkeit, die dem Gedankenspiel des Betrachters eine zusätzliche Note verleiht. Im Hintergrund schwebt eine weitere Dame tanzend dahin. Auch sie scheint in einem Moment vollständiger Hingabe festgehalten. Diese erzählerische Intensität vermag Julius Exter in dem Gemälde Serpentintanz (1897) zu vermitteln, ohne großartig auf narrative Elemente einzugehen. Das Bild beschreibt vielmehr ein Lebensgefühl, das auf Leidenschaft, Hinwendungsgabe und Freiheit beruht. Die symbolistischen Künstler, zu denen sich der „Farbenfürst“ – eine ehrenvolle Titulierung Exters – in den 1890er Jahren hinzuzählen lässt, waren vom Serpentintanz, der 1892 von Loie Fuller (1862-1982) in Paris uraufgeführt wurde, fasziniert.

                                    

Doch anders als Franz von Stuck (1863-1928), dem befreundeten Rivalen, der in der Zeit der jungen Secession dasselbe Motiv der Tänzerinnen (1896) aufgriff (siehe obere Abb.[1]), beharrte Exter in seinem Malstil auf Dynamik, Farbenreichtum und gekonnte Lichtführung. Der Serpentintanz eignet sich hierfür hervorragend als Beispiel. Bewusst ist der Hintergrund in eine allumfassende Dunkelheit gehüllt, um vollstes Augenmerk auf die Tänzerinnen zu erzielen. Sie stehen in einem deutlichen Kontrast zueinander. Während die vordere Artistin frontalansichtig mit ihrem grün-türkisen Kleid nicht nur das Licht, sondern auch den Blick des Betrachters einfängt, hüllt sich die hintere, abgewandte Dame in ein dunkelrotes, den Schatten in sich bergendes Gewand. Dieser Dualismus ist ein Symbol, das der Betrachter für sich zu entschlüsseln hat. Das Werk war auf der Zweiten Biennale in Venedig im deutschen Pavillon 1897 neben Arnold Böcklin (1827-1901) und Fritz von Uhde (1848-1911) ausgestellt. Es dient als Zeugnis für die qualitative Eigenständigkeit Julius Exters in der Rivalität zu Stuck und ist gleichfalls ein bedeutender Meilenstein seiner künstlerischen Entwicklung.

Franz E. Gailer j.


 

[1] Kat. Ausst „Franz von Stuck und Julius Exter. Freunde und Rivalen im Zeichen der Secession. 20. Kunstausstellung“, hrsg. v. Kennedy, Julie / Schmid, Elmar D. (Tettenweis, Franz-von-Stuck-Geburtshaus, Juni – Juli 2008), Tettenweis 2008, S. 75 (Abb. 121).